Über die europäische Idee
Veröffentlicht: 19. August 2012 Einsortiert unter: Gesellschaft, Politik | Tags: Euro, Europa, Finanzkrise 1 Kommentar »von Max Heine
Welche Kraft ist eine Idee zu entfalten imstande, die stets nur im Gefühl der Ausweglosigkeit zu denken gewagt und erst in der Furcht um das eigene Überleben mit Leben erfüllt worden ist? Wie stark ist eine Idee, die nie zuerst eine des Mutes, sondern der Verzweiflung war? Eine Idee, nie gedacht von Nationen, deren politische und wirtschaftliche Stärke ausgereicht hätte, eine eigene Vormachtstellung zu begründen, sondern stets von solchen, die das Scheitern egoistischer Machtpolitik haben erfahren müssen? Eine Idee, für deren beginnendes Gedachtwerden das Ende eines gewachsenen Gesellschaftssystemes unabdingbare Voraussetzung war?
Eine erst im Eingeständnis der Schwäche und des Versagens akzeptierte Idee scheint eher eine machtlose zu sein, haftet an ihr doch immer die Erinnerung an das eigene politische und moralische Scheitern. Kann eine solch vermeintlich schwache Idee dennoch die ungeheure Kraft entwickeln, ein neues Denken einsetzen zu lassen? Ein Denken, das das zuvor noch in der Gewissheit eigener Stärke Abgelehnte zum Annehmbaren werden lässt?
Die europäische Idee
Ja! Sie kann! Ihre mitreißende Kraft: Begründet durch das Gefühl der Ausweglosigkeit. Je tiefer dieses Empfinden, desto stärker die Hingabe des Verzweifelten an die Idee, mit der er dem Alten entkommen und sich dem Neuen zuwenden will. Dass er, sei es nun aus Überzeugung oder persönlichem Opportunismus, zum Träger dieser Idee wird, ihr anhängt, lässt sie zu einer machtvollen Idee werden.
Diese Idee, das ist die große europäische Idee! Sie, die das geeinte Europa, die Frieden und ein Leben in Freiheit verspricht, war immer zuerst eine Idee der Verzweiflung: Ausgerufen von denen, die politisch schwach waren. Darum hat sie nicht schon nach dem Ersten Weltkrieg verbindend wirken können, denn der Friede, der den Krieg beendete, kannte Sieger und Besiegte, Starke und Schwache. Der Zweite Weltkrieg dagegen kannte nur eines: Verlierer. Erst vor diesem Hintergrund, dem der absoluten Ausweglosigkeit und Schwäche, ist die europäische Idee von so vielen Nationen gedacht worden, die sie zuvor verworfen hatten.
Erreicht werden sollte die politische Einigung Europas über die ihr vorausgehende wirtschaftliche. Tatsächlich machte der Vorrang des Ökonomischen die europäische Idee endlich zu einer Idee des Mutes: Überzeugt, dass die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft vorteilhaft sein werde, traten Staaten diesem als Montanunion gegründeten Zusammenschluss europäischer Staaten bei und verzichteten zugunsten einer gesamteuropäischen Instanz erstmals auf eigene Souveränitätsrechte.
Vorrang des Ökonomischen
Obwohl das Versprechen des Herausführens aus der Armut nach dem Krieg eingelöst und auch die politischen Zusammenarbeit durch Gründung der Europäischen Union vertieft werden konnte, ist das Ökonomische weiterhin bestimmend für das Wesen der europäischen Idee geblieben. Nach Vollendung der Währungsunion mehr denn je zuvor. Darin liegt heute aber die größte Gefahr für Europa, denn durch die immer eindeutigere wirtschaftliche Akzentuierung sowie die Reduzierung auf die bloße ökonomische Notwendigkeit eines „gemeinsamen Binnenmarktes“ hat die europäische Idee an innerem Reichtum und Kraft verloren. Nicht länger mehr ist in der Finanzkrise die Rede von Freundschaft und Gemeinschaft, sondern nur noch von Solidarität und eigenen nationalen Interessen.
Wird die europäische Idee jedoch noch länger allein auf ökonomische Aspekte reduziert, wird die Einigung Europas scheitern: Denn warum hätte bisher auch nur ein einziger Staat (außer den Gründungsstaaten der Montanunion und unter der Annahme vergleichbarer wirtschaftlicher Verwerfungen wie durch die Finanzkrise) die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft anstreben wollen, in der er sich größeren makroökonomischen Unsicherheiten ausgesetzt sieht als bisher? Der Nationalstaat also von wirtschaftlichem Vorteil bliebe?
Nur eine sozialdarwinistische Idee?
Beabsichtigte die europäische Idee aber tatsächlich nie mehr als nur die Schaffung eines neuen Wirtschaftsblocks, so ist sie eine zutiefst sozialdarwinistische. Dieser in dem Bewusstsein eigener politischer Ohnmacht beschlossene Verbund sollte schließlich die machtpolitische Lücke füllen, die die infolge des Zweiten Weltkrieges international geschwächten europäischen Nationalstaaten zuvor hinterlassen hatten.
Aus ökonomischer Sicht konnte diese Absicht verwirklicht werden: Der neue Wirtschaftsblock kann gegen andere Wirtschaftsmächte im globalisierten Wettbewerb bestehen. Gemessen an seiner Wirtschaftskraft übertrifft er die der Vereinigten Staaten und der Chinas deutlich. Die Krise der europäischen Gemeinschaftswährung verdeutlicht aber gleichzeitig, dass die europäische Idee immer stärker einseitig akzentuiert wird: Die dem Ökonomischen eingeräumte Priorität wird solange vorherrschend sein, bis die Verwerfungen der Finanzkrise beendet werden konnten. Und solange wird eine wahre politische Einigung nicht stattfinden. Bis dahin bleibt die europäische Idee, jene, die das Primat des Wirtschaftlichen weiterhin duldet und fördert, dem Verdacht ausgesetzt, bloß Machtprojekt einer politischen Clique zu sein, die die Gemeinschaft als Garanten für das Fortbestehen des eigenen Nationalstaates und der eigenen Macht missbraucht. Eine Clique, die nur die Währungsunion als einendes Element begreift und warnt, dass mit dem Euro auch Europa scheitern werde.
Die wahre europäische Idee
Ihnen aber rufe ich zu: Niemals wird Ökonomisches allein identitätsstiftend für Europa sein! Nie werden Marktwirtschaft und Währungsunion so völkerverbindend wirken, wie die Geschichte, die wir teilen, nie so einend, wie unsere Kultur und unsere Ideen!
Wer die wahre europäische Idee begreifen will, gebe sich nur ein einziges Mal Beethovens neunter Sinfonie hin. Sie erst lässt erahnen, wie kraftvoll die europäische Idee wirklich ist, wenn sie in ihrem letzten Satz ein grandioses Bild von Europa zeichnet und dem Zauber, der von der europäischen Idee ausgeht: Die Töne, zuerst einander widersprechend und umrankend, streben immer weiter empor, spielen miteinander, feuern einander an und vereinigen sich schließlich voll Selbstbewusstsein, um gemeinsam das Motiv der Freude zu feiern: „Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt.“
Die wahre europäische Idee ist eine mächtige Idee: Über jede Mode, über alles Ökonomische erhaben. Nie wird Europa darum zerbrechen!


lieber max heine,
angesichts der realen krise ein optimistischer mutmacher ist dein artikel über die idee europa. auch ich kann theoretisch und praktisch den europäischen anstrengungen etwas positives abgewinnen. wenn ich nur an die offenen grenzen denke z.b.
die europa-hymne von beethoven ist historisch ein verweis in eine zeit, als europa noch sehr geteilt war in nazionalitäten und das gegeneinander stärker als das miteinander.
ich denke bei dem, was europa der welt zu bieten hat, an die nämliche zeit vor gut 200 jahren. für mich steckt im hauptwerk der französischen aufklärung, der Encyclopédie, nicht weniger musik als in beethovens stück. ohne aufklärung im wohlverstandenen sinn als längst nicht abgeschlossenes projekt ist die europäische idee ohne biss.
nehmen wir nur den gedanken der gewaltenteilung ernst, haben wir handlungsanweisungen im überfluss, die zugleich zeigen, wie unvollendet europa und die aufklärung sind.
gruß
hy