Linke Travestie

von Kurt Terrier

So oft voller Leidenschaft, Sehnsucht und Kampfeslust besungen, scheint es nun endlich zu beginnen. Das letzte Gefecht, zu dem schon so viele Generationen aufgerufen, zu dem schon so viele die Messer gewetzt hatten. Das letzte Gefecht, über dessen Ausbleiben doch keiner so erleichtert schien wie die Singenden selbst.

Nach dem erbärmlichen Gedicht von Günter Grass im Frühjahr stimmen nun auch die Massen, stimmen Joschka Fischer und Jakob Augstein in das alte Gefechtslied ein. Fischer, der Merkel in eine Reihe mit Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler stellt, Augstein, der sich an deutschen Rüstungsexporten nach Israel stört.

„Auf zum letzten Gefecht“ gegen das konservative Establishment fordert Fischer, wenn er die Angst schürt, Deutschland trage durch sein ökonomisches Übergewicht in der Euro-Zone und fehlendes Verantwortungsbewusstsein zum Untergang des modernen politischen Europas bei, trage gar die Hauptschuld daran. Das, nachdem Deutschland bereits im vergangenen Jahrhundert zweimal Europa und sich selbst zerstört habe.

„Auf zum letzten Gefecht“ gegen Merkel fordert Augstein, wenn er sagt, Deutschland mache sich durch Rüstungsexporte an Israel nicht nur mitschuldig an der Aufrüstung im Nahen Osten, sondern trage die Hauptschuld an den sich zuspitzenden Unruhen in der Region. Tatsächlich, so Augstein, sei das Gedicht von Günter Grass auch nicht erbärmlich gewesen, sondern Grass habe sich als Autor mit Weitblick erwiesen, habe er mit seiner Kritik an Israel doch recht behalten: Israel ist der politische Aggressor!

Warum das letzte Gefecht dennoch wieder ausbleiben wird? Weil es immer nur von Denkfaulen und von der Macht Korrumpierten angestimmt worden ist. Von Gazprom-Schröder und Rente-mit-67-Münte. Von Fischer, der inzwischen mit Kohle statt Steinen um sich wirft und von Augstein, der seine journalistische Talentlosigkeit wöchentlich in einer Kolumne unter Beweis stellen darf. Und natürlich von Günter Grass.

Ist es etwa glaubwürdig, wenn einer der Genannten das „Menschenrecht“ erkämpfen will, dieses aber durch Hartz IV vielmehr bekämpft? Ist es glaubwürdig, wenn einer der Genannten dazu aufruft, die „Schmach“ des Einzelnen nicht länger zu dulden, diese aber durch Hartz IV vielmehr schürt? Ist es etwa glaubwürdig, wenn einer der Genannten mit gesenktem Haupte der Opfer des Holocaust gedenkt, sagt, so etwas dürfe nie wieder geschehen und sich dennoch daran stört, der von Iran bedrohte Staat Israel verhalte sich zu aggressiv gegenüber Iran?

Das letzte Gefecht – es findet wieder nicht statt. Verkommen zu einer linken Travestieshow, in der die Reichen die Armen, die Satten die Hungernden spielen, werden außer Fischer keine weiteren Massen in das Lied einstimmen. Wie gesagt, keiner wird sich darüber so erleichtert zeigen wie die Singenden. Denn eines haben die Korrumpierten ja gelernt: Wie man Geld macht. Und wie sollten sie das ausgeben für Cohiba, Maßanzüge oder die Produktion des „Freitag“, wenn unsere schöne korrumpierte Welt durch das letzte Gefecht in Schutt und Asche gelegt würde?



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