Der dritte Weg: Die Gemeinwohl-Ökonomie

ein Gastbeitrag von Christian Felber

88 Prozent der Deutschen wünschen sich eine neue Wirtschaftsordnung. Die Gemeinwohl-Ökonomie bietet eine Alternative zu kapitalistischer Markt- und zentraler Planwirtschaft. Sie baut auf humanen Werten auf und misst ihre Umsetzung in einer neuen unternehmerischen Hauptbilanz.

Drei frappierende Widersprüche kennzeichnen die gegenwärtige Wirtschaftsordnung: 1. Die Grundkoordinaten des Wirtschaftens – Gewinnstreben und Konkurrenz – fördern nicht vorrangig Beziehungswerte, sondern Egoismus und Eigennutz. 2. Wir messen nicht das, was uns eigentlich wichtig ist – Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung –, sondern monetäre Indikatoren, die nichts über Nutzwerte aussagen. 3. Obwohl sich die Hinweise aus Neurobiologie, Spieltheorie, Sozialpsychologie und Glücksforschung verdichten, dass Geld, Vorteilsstreben und Konkurrenz nicht die stärksten Motivatoren für Menschen sind, bauen wir die Anreiz- und Entlohnungssysteme sowie die gesamte Wirtschaftsordnung nach wie vor auf diesen (obsoleten) Koordinaten auf.

Das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem sie zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen Akteure vom vorrangigen Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls „umpolt“. Das Gemeinwohl soll nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum Zweck der wirtschaftlichen Privatinitiative werden, die das Wohl des Einzelnen einschließt. Adam Smiths historischer Ausspruch: „Nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Brauers, Metzgers erwarten wir unser tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgen“ wird geglättet auf „Vom Wohlwollen aller Wirtschaftsakteure erwarten wir das Wohl aller.“

Die erste Systemweiche, die dabei umgestellt wird, ist das Verständnis von unternehmerischem „Erfolg“: Dieser sollte nicht länger mit Finanzgewinn gleichgesetzt werden, weil dieser zu aussageschwach über die Gesamtperformance eines Unternehmens ist: Ein höherer betrieblicher Finanzgewinn mit weniger sozialer Sicherheit, geringeren Einkommen, Verlust an Lebensqualität, Gesundheitsgefährdung und der Verletzung der Menschenwürde. Neue Bedeutung von unternehmerischem Erfolg sollte deshalb sein: ein größtmöglicher Beitrag zum allgemeinen Wohl. (Finanzgewinn dient der Erreichung dieses Ziels.) Operativ ginge das in drei Schritten: Gemeinwohlverhalten muss 1. in wesentlichen Punkten definiert, 2. gemessen und 3. belohnt werden.

Für den ersten Schritt gibt es erfreulich übereinstimmende Vorarbeiten: „Berührungsgruppen“ (Stakeholder) wünschen sich weltweit von Unternehmen Transparenz, soziale Verantwortung, ökologisch nachhaltiges Wirtschaften, Stärkung der Demokratie sowie gesamtgesellschaftliche Solidarität. Diese Grundwerte könnten in der „Gemeinwohl-Bilanz“, dem Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie, gemessen werden. Die ersten 80 Pionier-Unternehmen werden sie noch heuer freiwillig anwenden und weiterentwickeln. Als dritten Schritt könnten die „Erfolgreichen“ in der neuen Bedeutung systematisch belohnt werden: Wer zum Beispiel die Beschäftigten mitbestimmen lässt; gleich viele Frauen in den Führungsgremien hat wie Männer; für gleiche Leistung gleichen Lohn bezahlt; einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region bezieht; KundInnen in die Planung einbezieht oder Know-how freiwillig an die Mit-Unternehmen weitergibt; erhält „Gemeinwohl-Punkte“. Je höher die Gemeinwohlpunktezahl, desto besser ist die Gemeinwohl-Bilanz des Unternehmens und desto größer sind die rechtlichen Vorteile, zum Beispiel: günstigerer Mehrwertsteuersatz, niedrigerer Zoll-Tarif, günstigerer Kredit bei der „Gemeinwohl-Bank“ oder Vorrang im öffentlichen Einkauf.

Da die erreichte Gemeinwohl-Farbe auf allen Produkten aufscheint, haben auch die KonsumentInnen eine klare Orientierung für die Kaufentscheidung. Drittens erhalten Unternehmen umso mehr Gemeinwohl-Punkte, je besser ihre Zulieferer und Geldgeber „performen“: Eine mächtige Aufschaukelungsspirale in Richtung Gemeinwohl kommt in Gang.

Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber das Gewinnstreben würde eingeschränkt: Nach wie vor verwendet werden dürfen Gewinne für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt sind hingegen: feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten und die Ausschüttung an Personen, die das Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten.

Die Folgen wären nachhaltig: Wenn der Profit nicht mehr maximiert werden und Konkurrenz-Unternehmen nicht mehr feindlich übernommen werden dürfen, macht Wachstum als Hauptstrategie keinen Sinn: Alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.

Kooperation würde hingegen systemisch belohnt. Wenn Unternehmen offen kalkulieren, Wissen teilen, kooperativ informieren statt aggressiv werben oder sich an der solidarischen Abfederung von Marktschwankungen beteiligen, erhalten sie Vorteile. Dadurch würden wir uns dem annähern, was „Konkurrenz“ im Lateinischen bedeutet: nicht gegeneinander agieren, sondern „miteinander laufen“ („con-currere“): aus einer Win-lose- würde eine Win-win-Systemordnung.

Schließlich würden mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Menschen und Menschengruppen private Unternehmen gründen, weil sie sich in diesem neuen Ordnungs- und Anreizrahmen menschlich wohler fühlen als im gegenwärtigen System, in dem selbst das bewusste Ausleben menschlicher Schwächen keinen Nachteil darstellt oder sogar Vorteile bringt, weil keine Bilanz zur Rechenschaft zwingt.

Das Gemeinwohl-Ziel ist so alt wie das Abendland: Platon postulierte es als „Ziel der politischen Gemeinschaft“, Cicero sah darin das „oberste Gesetz“, Thomas von Aquin prägte das Wort „bonum commune“ einen Grundpfeiler der christlichen Soziallehre und in der Bayerischen Verfassung steht heute in Artikel 151: „Alle wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist aber längst von einer Idee zu einer internationalen Bewegung geworden: Der „Gesamtprozess“, der im Oktober 2010 mit dem Symposium „Unternehmen neu denken“ im Wiener „Hub“ startete, setzt sich aus neun wachsenden Strängen zusammen: Unterstützter-Unternehmen (300), Pionier-Unternehmen (80), BeraterInnen, AuditorInnen, ReferentInnen und Energiefelder (Österreich, Deutschland, Schweiz, Spanien, New York). Das „Redaktionsteam Gemeinwohl-Matrix“ sammelt laufend Feedback von den Pionier-Unternehmen und entwickelt einmal jährlich eine neue Bilanz. Nach mehreren Jahren und Erweiterungskreisen soll die Vorarbeit einem demokratischen Konvent übergeben werden, der daraus ein Gesetz formuliert, das dem Souverän zur Entscheidung vorgelegt wird. Auch weitere Vorarbeiten wie Sozial- und Umweltbilanzen, EMAS- und ISO-Normen, Qualitätsmanagement und Balanced Scorecard-Ansätze sollen integriert und zu einem rechtsverbindlichen Ethikinstrument zusammengefasst werden. Nimmt der Souverän das Gesetz an, würde es in der Verfassung festgeschrieben und könnte zum Beispiel alle fünf Jahre in Folgekonventen weiterentwickelt werden.

Christian Felber, 38, unterrichtet Globalisierungskritik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist vielfacher Buchautor und Erfinder der Gemeinwohl-Ökonomie, die im August 2011 bei Deuticke als Buch erschien und bereits von 300 Unternehmen aus fünf Staaten unterstützt wird: www.gemeinwohl-oekonomie.org

 

Passend dazu die Gastbeiträge von Julius Lerchenfeld:

Rumpfkapitalismus

Die verstummte Elite

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2 Kommentare on “Der dritte Weg: Die Gemeinwohl-Ökonomie”

  1. Das liest sich wirklich gruselig. Gemeinwohl ist gut und schön, doch die politische Definition über Punkte für Frauenquoten etc. führt in die Irre. Der Hauptzweck von Unternehmen ist es, Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die die Kunden wollen. Wer das nicht (so gut) kann, soll vom Markt verschwinden. Das Setzen und Überwachen von Nebenbedingungen wie Umweltverträglichkeit oder Arbeitsschutz ist vor allem eine staatliche Aufgabe (Unternehmensethik oder Konsumentenverhalten können den Staat dabei unterstützen, aber nicht ersetzen). Genossenschaften und Non-Profit Organisationen sind auch jetzt erlaubt und kommen in bestimmten Branchen vor, in anderen aus guten Gründen nicht. Sie faktisch überall vorzuschreiben, macht die Wirtschaft schlechter statt besser. Was ist schließlich mit der wirtschaftlichen Freiheit?

    • Warter sagt:

      Der Kommentar ist ja wohl noch um einiges blauäugiger als die Statements der Gemeinwohlökonomie! Im herrschenden Neoliberalismus ist es eben nicht der Hauptzweck von Unternehmen, Güter und Dienstleistungen zu produzieren, die die Kunden wollen. Es geht heute einzig und allein darum, kurzfristig maximalen Shareholder Value zu erzeugen, um die exponentiell wachsenden Vermögen zu verzinsen und sonst um garnix. Kunden oder Mitarbeiter sind Nutzvieh, das man gewinnsteigernd ausbeutet. Die Aufgabe, für Umweltverträglichkeit und Arbeitsschutz zu sorgen, können die Staaten schon lange nicht mehr erfüllen, da sie im globalisierten Kapitalismus miteinander konkurrieren und gegeneinander ausgespielt werden. Und den Freiheitsbegriff auf Krämerniveau zu verengen, halte ich vollends für erbärmlich.


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