Ostermarsch-Gedicht
Veröffentlicht: 9. April 2012 Einsortiert unter: Kunst, Politik | Tags: Günter Grass, Gedicht, Israel, Ostermarsch Schreibe einen Kommentar »von Kurt Terrier
Zu Ostern dieses Jahres
sah ich einen Protestzug
zum Römerberg ziehn,
der viele bunte Schilder trug.
„Halt durch“, „Lass dich nicht unterkriegen“,
konnt ich darauf lesen.
Gegen Israel, gegen Gleichschaltung,
waren die Menschen auch gewesen.
Worum es ging, frug ich einen Alten
mit großem grauen Barte im Gesicht.
„Sag bloß, du hast’s noch nicht gehört,
wir sind hier wegen Grass’ Gedicht.
ʼWas gesagt werden mussʻ –
‘s ist voll Wahrheit und voll Poesie.
Wie er den Juden kritisiert –
fabelhaft! Nur getraut hätt ich’s mich nie.
Sonst nennen sie mich noch einen Antisemiten,
und ein Nazi bin ich doch nun wirklich nicht.
Aber Kritik muss man doch noch üben dürfen,
vor allem, wenn’s an Israel ist.
Hier nun lass ich den Gefühlen freien Lauf,
bin in der Gruppe auch nicht mehr allein. –
Wie wahr doch das Wort Goethes:
ʼHier bin ich Mensch / Hier darf ich’s seinʻ.
Israels Raketen sind eine Gefahr,
Grass hat’s ja schön beschrieben. –
Glaube mir: Wir Deutsche sollten uns in Acht nehmen,
Hat uns der Jud’ doch schonmal in den Krieg getrieben.
Ein zweites Mal, auch noch gegen Iran,
machen wir nicht mit, darum die Proteste.
Glaube mir: Ein Fleck genügt,
auf der sonst so saub’ren Weste.
Und wie wahr des Dichters Worte sind,
erkennst du an der Reaktion:
Kritik; Beschimpfungen; Einreiseverbot;
Gegen sie richtet sich unsere Protestaktion.“
Mit offenem Munde sah ich dem Alten nach,
konnt nicht glauben, was er da zu mir gesagt.
Im Gleichschritt ostermarschierte er davon –
Oskar Matzerath trommelte den Takt.
