Gedichtsrezension: „Was gesagt werden muss“

von Kurt Terrier

Gedicht – so, so. Nun, es fällt mir schwer, das, was Günter Grass unter dem Titel „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht hat, als „Gedicht“ zu bezeichnen, ist es schließlich doch nichts anderes, als das Zerreißen eines langweiligen und einseitigen Prosatextes in einzelne Strophen, in einzelne Verse.

Was hinter der Absicht des Zerreißens steckt? Die Mutlosigkeit des Autors, missverständliche Verse, missverständliche Wendungen in der jetzt einsetzenden öffentlichen Diskussion über das „Gedicht“ nicht verteidigen zu wollen, sondern sie durch die Freiheit der Kunst, der Kunstform eines Gedichts, zu begründen.

Der Inhalt ist schnell erklärt: Der Schriftsteller Grass ist im Alter von 84 Jahren zu der Einsicht gelangt, lange genug geschwiegen zu haben. Wozu? Dass der Staat Israel über ein „wachsend nukleares Potential“ verfüge, das keiner Kontrolle unterliege. Dass niemand Kritik an dieser Politik Israels üben dürfe, da sonst der Vorwurf des Antisemitismus erhoben würde. Dass die Unterstützung Israels durch Deutschland, beispielsweise durch die Lieferung von U-Booten, falsch sei, da Deutschland die Schuld an „Verbrechen“ trage, „die ohne Vergleich“ seien. Und dass Iran unschuldig an der sich zuspitzenden Situation im Nahen Osten sei.

Weil Grass einen Krieg zwischen Israel und Iran fürchtet und sich überzeugt zeigt, Israel gefährde „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, werde alleiniger „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ sein, fordert er den Leser schließlich auf, das eigene Schweigen zu beenden, gegen Israel und dessen Unterstützung durch Deutschland die Stimme zu erheben. Dafür soll der Aufständische auch den Vorwurf des Antisemitismus nicht mehr scheuen – wie Grass.

„Was gesagt werden muss“ ist ein äußerst einseitiges, äußerst misslungenes „Gedicht“ des Autors, sowohl in der Form als auch und vor allem im Inhalt. Vom Bestreiten des israelischen Existenzrechts durch den Iran: Kein Wort. Es scheint, als trage Grass wohl doch nicht zu Unrecht eine Tätowierung. Das „Gedicht“, uns zugesandt vom dichterischen Totenbett des Autors, lässt wirklich nur eines hoffen: Dass er es tatsächlich „mit letzter Tinte“ geschrieben hat.

About these ads

2 Kommentare on “Gedichtsrezension: „Was gesagt werden muss“”

  1. Imdat Solak sagt:

    Mein Problem mit dem “Gedicht” ist auf der einen Seite die Schlichtheit des sogenannten “Gedichts”, aber vielmehr die Tatsache, dass Grass überhaupt keine Ahnung hat von der tatsächlichen Situation und trotzdem Stellung bezieht. Als Nobelpreisträger, dachte ich, sollte man ein bisschen verantwortlich mit Äusserungen umgehen.

    Nicht Israel ist es, welches Iran mit “Auslöschung” droht – es ist umgekehrt.
    Nicht Israel ist ein diktatorischer Staat, von dem ein Krieg ausgeht, sondern Iran.
    Nicht Israel ist es, dass ein ganzes Volk auslöschen möchte, sondern die iranische Regierung.

    Israel hat bisher nur gedroht, iranische Atomanlagen gezielt anzugreifen. Iran hat damit gedroht, israelische Bevölkerung “von der Weltkarte zu tilgen” – ich denke, Israel hat das Recht, alle erdenklichen Mittel zur Verteidigung in Erwägung zu ziehen. Ob diese auch genutzt werden, ist eine andere Sache.

    Der grösste Fehler seitens der (demokratisch gewählten) israelischen Regierung wäre es, nicht alle Optionen auf dem Tisch zu lassen und z.B. einen gezielten Angriff auszuschliessen. Welcher Regierung, die die Verteilung der Bevölkerung nicht mit allen Mitteln *androht* (wohlgemerkt, Israel hat bisher nichts gegen Iran unternommen), würde ein Volk denn vertrauen? Es ist die Aufgabe des Staates, das Volk vor Gefahren zu schützen.

    Wenn Grass sich auch im Ansatz mit dem Iran/Israel-Thematik beschäftigt hätte, hätte er gewusst, dass Iran tatsächlich die grösste Gefahr für den Frieden im Nahen Osten ist.

    Dass die Atomwaffenkontrolle nicht flächendeckend erfolgt, ist eine völlig andere Sache. So z.B. haben Pakistan und Indien Atomwaffen und sind trotzdem nicht Mitglied der Nichtverbreitungsorganisation – genauso wie Israel. Die Gefahr, die aus Pakistan/indien ausgeht, ist um Faktoren grösser als die durch Israel – zumal man Israel Demokratie bescheinigen kann, was man Pakistan bspw nicht nachsagen kann (zumindest keine reine Demokratie).

    Grass agiert hier aus Unwissenheit verbunden mit Ignoranz – er ignoriert seine Unwissenheit in diesem Thema und nimmt sich trotzdem das Recht, Israel als den Aggressor hinzustellen. Das ist einfach nur grässlich (pun intended)…

  2. Fridtjov Hansen sagt:

    Das Problem ist kompliziert, aber nicht unlösbar. In dem Kontext kann ich das Buch “Antisemitismus als politische Waffe” von Finkelstein empfehlen. An dieser Stelle nur kurz die Quintessenz: Wer Israel aufgrund der Vergangenheit in Watte packt, der macht sich tatsächlich des Antisemitismus verdächtig: Er betreibt weiterhin die Exklusion der Juden aus dem Miteinander der Nationen als “Sonderlinge”. Das war im religiös und rassisch motivierten Antisemitismus immer der Beginn aller Judenfeindlichkeit: Exklusion.
    Dabei war exakt das Gegenteilige die Intention des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl: Die Juden in einer gleichberechtigten Nation zu versammeln.
    Deshalb ist Doppelmoral im Hinblick auf Israels Politik eher dazu geeignet Antisemitismus zu fördern denn ehrliche Kritik.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s